September und Oktober sind für Traktoren die gefährlichsten Monate im Straßenverkehr. Während der Erntezeit steigt die Zahl der Unfälle mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen in Belgien um mehr als 40 Prozent. Gleichzeitig sind diese Unfälle häufig besonders schwerwiegend. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Verkehrssicherheitsinstituts Vias hervor.
Durchschnittlich sind in Belgien jedes Jahr rund 220 Unfälle mit Verletzten oder Getöteten zu verzeichnen, an denen ein landwirtschaftliches Fahrzeug beteiligt ist. In den vergangenen fünf Jahren wurden im September und Oktober jeweils rund 130 solcher Unfälle registriert – gegenüber durchschnittlich 90 in den übrigen Monaten. Grund dafür ist vor allem das deutlich höhere Aufkommen an Traktoren auf den Straßen während der Ernte.
Besonders auffällig ist die Schwere der Unfälle: Ist ein landwirtschaftliches Fahrzeug an einem Verkehrsunfall beteiligt, liegt das Risiko eines tödlichen Ausgangs laut Vias durchschnittlich 3,5-mal höher als bei anderen Unfällen mit Personenschaden. Zwischen 2021 und 2025 kamen jedes Jahr durchschnittlich neun Menschen bei Unfällen mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen ums Leben. Vias führt die größere Schwere unter anderem auf das hohe Gewicht und die robuste Bauweise der Maschinen zurück. Gleichzeitig nimmt der Anteil besonders leistungsstarker Traktoren zu. Der Anteil der in Belgien verkauften Traktoren mit mehr als 250 PS stieg von 13 Prozent im Jahr 2021 auf 22,5 Prozent im Jahr 2024. (Vias Institute)
„Traktorenunfälle sind zwar nicht unbedingt sehr häufig, aber sie sind schwerwiegender als durchschnittliche Verkehrsunfälle und betreffen teilweise sehr junge Fahrer“, erklärt Karin Genoe, CEO von Vias. „Die heutigen Maschinen sind schwerer und leistungsstärker als noch vor einigen Jahren und deshalb auch schwieriger zu bedienen, insbesondere für junge Fahrer mit wenig Fahrerfahrung.“ Für die Erntezeit gelte deshalb: „Vorsicht ist geboten.“
Auffallend viele junge Fahrer
Ein weiterer Aspekt der Untersuchung betrifft das Alter der Traktorfahrer. Jeder zehnte verletzte Fahrer eines landwirtschaftlichen Fahrzeugs ist jünger als 17 Jahre. Insgesamt sind 32 Prozent der verletzten Fahrer jünger als 24 Jahre. In Belgien dürfen Jugendliche ab 16 Jahren mit einem Führerschein der Klasse G landwirtschaftliche Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen fahren. Bis zum Alter von 18 Jahren gilt allerdings eine Begrenzung der zulässigen Gesamtmasse auf 20 Tonnen.
Bei den Unfallursachen steht der Kontrollverlust über das Fahrzeug mit 18 Prozent an erster Stelle. Es folgen die Missachtung von Vorfahrtsregeln mit 16 Prozent und das Umkippen des Fahrzeugs mit 12 Prozent. Eine französische Untersuchung aus dem Jahr 2021 unter 400 Landwirten ergab zudem, dass 31 Prozent angaben, während des Fahrens ihr Mobiltelefon zu benutzen. Laut Vias könnte dies bei einem Teil der Unfälle ebenfalls eine Rolle spielen.
Auch die Art der Kollisionen fällt auf: 31 Prozent der Unfälle zwischen 2021 und 2025 waren seitliche Zusammenstöße. Dahinter folgen Auffahrunfälle (15 Prozent), Kollisionen mit einem Hindernis neben der Fahrbahn (12 Prozent), Frontalzusammenstöße (11 Prozent) und seitliche Kollisionen zwischen zwei Fahrzeugen (11 Prozent). 63 Prozent der Unfälle mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen ereigneten sich zwischen 2016 und 2025 außerhalb geschlossener Ortschaften.
Auch die anderen Verkehrsteilnehmer sind gefordert
Vias richtet seine Sicherheitsempfehlungen deshalb nicht nur an die Landwirte. Gerade während der Erntezeit sollten auch Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger besonders aufmerksam sein.
„Höflichkeit kann Wunder bewirken“, betont Vias und ruft dazu auf, Verständnis für die Landwirte aufzubringen, die in dieser Zeit ihre Ernte einbringen müssen und deshalb häufiger mit ihren Maschinen unterwegs sind. Autofahrer sollten ihre Geschwindigkeit beim Annähern an einen Traktor reduzieren und ausreichend Abstand halten. Landwirtschaftliche Fahrzeuge können sehr langsam fahren und unvermittelt bremsen oder anhalten. Überholt werden sollte nur bei ausreichender Sicht – insbesondere an Feldzufahrten ist besondere Vorsicht geboten.
Hinzu kommt ein Problem, das Traktoren mit Lastwagen gemeinsam haben: der tote Winkel. Viele landwirtschaftliche Fahrzeuge verfügen nicht über entsprechende Sensoren. Radfahrer und Fußgänger sollten deshalb möglichst Blickkontakt mit dem Fahrer herstellen. Auch Warnhinweise auf mögliche Rutschgefahr sollten ernst genommen und die Geschwindigkeit entsprechend angepasst werden.
Die Botschaft von Vias fällt damit passend zur Erntezeit eindeutig aus: Mehr Traktoren auf den Straßen bedeuten auch mehr Situationen, in denen gegenseitige Rücksicht und Aufmerksamkeit gefragt sind.