Der Landstreifen, der in Flandern als die „Ostkantone“ bekannt ist, gehörte seit Anfang des 19. Jahrhunderts zum Königreich Preußen.
Bereits ab den 1840er Jahren sind erste Aktivitäten landwirtschaftlicher Vereine im Raum Malmedy und Eupen dokumentiert. Das Hauptaugenmerk lag damals auf der Verbesserung der sehr ärmlichen und rückständigen Bewirtschaftungsmethoden, die hauptsächlich auf den Ackerbau ausgerichtet waren. Schon damals setzten die Verbände auf Lokalsektionen, die sogenannten Casinos. Damit sollte erreicht werden, dass in allen größeren Ortschaften während der Wintermonate Zusammenkünfte organisiert wurden, um landwirtschaftliche Themen zu behandeln.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Schwerpunkt in dieser Zeit auf der Vermittlung von Fachwissen lag. Angesichts der großen Not kamen schon bald Fragen des Spar- und Kreditwesens sowie des Versicherungswesens hinzu.
Raiffeisen und die Genossenschaftsidee
In diesem Zusammenhang muss der Name von Friedrich Wilhelm Raiffeisen genannt werden. Der 1818 geborene Raiffeisen gründete im Jahr 1864 in Neuwied die erste genossenschaftliche Spar- und Kreditkasse nach den Grundsätzen der gegenseitigen Hilfe, der Selbstverwaltung und der Selbstkontrolle. Bereits 1869 wurde in Büllingen ein „Darlehenskassen-Verein“ nach dem Vorbild Raiffeisens gegründet.
Die eigentlichen landwirtschaftlichen Berufsorganisationen entstanden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die europäische Landwirtschaft in eine tiefe Krise geraten war. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Entwicklung in Preußen kaum von jener in Flandern. Bemerkenswert ist, dass der eingangs erwähnte Gründer des Belgischen Boerenbond, Pastor Mellaerts, das Raiffeisen-System zuvor im Rheinland studiert hatte.
Die Eingliederung der Ostkantone in Belgien
Für die ostbelgischen landwirtschaftlichen Strukturen änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg schlagartig alles, als die deutschen Kreise Eupen und Malmedy 1920 durch den Vertrag von Versailles als die Kantone Eupen, Malmedy und St. Vith in das Königreich Belgien eingegliedert wurden.
Da das neubelgische Gebiet stark bäuerlich geprägt war, lag es nahe, die Eingliederung der Bevölkerung in Belgien über eine Bauernorganisation zu unterstützen. Zu diesem Zweck nahm der für die neuen belgischen Gebiete zuständige Gouverneur Baltia Kontakt mit der Führungsspitze des Belgischen Boerenbondes in Löwen auf. Es wird vermutet, dass Baltia davon ausging, dass die Verständigung zwischen den deutschsprachigen Neubelgiern und den Flamen einfacher sein würde als mit den französischsprachigen Wallonen. Noch wichtiger dürfte jedoch gewesen sein, dass der Belgische Boerenbond nach denselben Raiffeisen-Prinzipien arbeitete wie der Rheinische Bauernverein, dem die Bauern bis zur Eingliederung der Gebiete in das Königreich Belgien angeschlossen gewesen waren.
Der Bauernbund ging wohlwollend auf Baltias Anfrage ein. So entstanden in den meisten größeren Ortschaften der Ostkantone sehr schnell Spar- und Darlehenskassen, Verkaufsstellen für Futter- und Düngemittel, Versicherungsagenturen sowie ein landwirtschaftliches Beratungssystem nach flämischem Vorbild. Von Anfang an achtete der Bauernbund darauf, dass die Neubelgier in ihrer Muttersprache bedient wurden. Bereits ab April 1924 erschien die Verbandszeitschrift „Der Bauer“ für die ostbelgischen Mitglieder.
Trennung und politische Spannungen der Zwischenkriegszeit
Das gute Einvernehmen mit dem flämischen Bauernbund währte im südlichen Teil Ostbelgiens jedoch nicht lange. Im Jahr 1927 kam es zur Trennung des Landwirtschaftlichen Verbandes Malmedy-St. Vith vom Belgischen Bauernbund.
Man kann von einer politisch turbulenten Zeit sprechen, in der sich die landwirtschaftlichen Verbände des Kreises Malmedy-St. Vith wieder stärker an die ehemalige deutsche Heimat anlehnten. Der Kreis Eupen unterhielt dagegen bis in die 1930er Jahre regelmäßige Beziehungen zum flämischen Bauernbund. 1934 wurde mit dessen Hilfe in Walhorn eine Molkerei gegründet. Die Löwener Zentralkasse gewährte die notwendigen Darlehen, während der Technische Dienst des Bauernbundes die Pläne entwarf.
Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg
Mit der Wiedereingliederung von Eupen-Malmedy in das Deutsche Reich am 18. Mai 1940 fand die Tätigkeit des Bauernbundes in den Ostkantonen vorübergehend ein Ende. Bereits im Jahr 1946, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nahm der Bauernbund seine Tätigkeit in Ostbelgien wieder auf. Auch heute noch rechnen es viele deutschsprachige Belgier dem Bauernbund hoch an, dass er niemanden nach „Schuld“ oder „Unschuld“, nach „Vergangenheit“ oder politischer Einstellung beurteilte, sondern unterschiedslos jeden einlud, an der Gestaltung einer besseren Zukunft mitzuwirken. Diese Haltung trug sicherlich dazu bei, dass sich die Organisation rasch weiterentwickelte und überall neue Bauerngilden, Ankaufabteilungen und Raiffeisenkassen entstanden.
In den 1950er Jahren wurden der Bezirksverband der Bauerngilden, der Verband der deutschsprachigen Landwirte, der LFV und die KLJ aufgebaut. Es folgten vier Jahrzehnte fruchtbaren Wirkens des Bauernbundes in den Ostkantonen.
Autonomiebewegung und neue Herausforderungen
In den 1970er Jahren zog sich der Bauernbund aus dem Kanton Malmedy zurück, der sich im Laufe der Zeit zu einem nahezu rein französischsprachigen Gebiet entwickelt hatte und sich wirtschaftlich wie gesellschaftlich zunehmend an Wallonien orientierte. Die dortigen Gilden schlossen sich dem wallonischen Schwesterverband Alliance Agricole Belge (AAB) an. Etwa zur gleichen Zeit wurden im deutschsprachigen Ostbelgien die Autonomiebestrebungen intensiviert. Diese mündeten zunächst in eine kulturelle Autonomie und später in die Anerkennung der Bewohner der neun deutschsprachigen Gemeinden als dritte Gemeinschaft Belgiens: die Deutschsprachige Gemeinschaft, die die Kantone Eupen und Sankt Vith umfasst.
In den Jahren 2001 und 2002 wurden die deutschsprachigen Landwirte durch die Entscheidung der Regierung in Brüssel verunsichert, fast alle Kompetenzen im Bereich Landwirtschaft auf die Regionen zu übertragen. Dadurch waren sie praktisch über Nacht ihrer Einflussmöglichkeiten auf die Agrarpolitik beraubt. Denn vom damaligen wallonischen Landwirtschaftsminister Happart konnte man kaum erwarten, dass er den flämisch orientierten Verband der deutschsprachigen Landwirte in Namur am Verhandlungstisch akzeptieren würde.
Seitens der Führungsspitze in Leuven kam jedoch ein klares Bekenntnis an die Landwirte der Deutschsprachigen Gemeinschaft, dass der Bauernbund zu seinen dortigen Mitgliedern stehe und die Unterstützung der deutschsprachigen Mitglieder nicht infrage gestellt werde. Dieser Standpunkt wurde 2007 vom damaligen Vorsitzenden Vanthemsche anlässlich eines Antrittsbesuchs in der Region erneut bekräftigt.
Dass der Anteil der deutschsprachigen Landwirte trotz der Regionalisierung der Befugnisse nicht sinkt, sondern steigt, ist in erster Linie dem großen Engagement des Bauernbundes zuzuschreiben. So gewährleistet der Bauernbund die finanziellen und personellen Mittel für eine qualitativ hochwertige Betreuung, Beratung und Information seiner Mitglieder in ihrer Muttersprache. Darüber hinaus fühlen sich die Mitglieder durch den Bauernbund in europäischen und föderalen Angelegenheiten bestens vertreten.
Starke Interessenvertretung in der Wallonie
Wichtig ist auch, dass seit der Amtszeit von Benoît Lutgen als wallonischer Landwirtschaftsminister gute Kontakte zu den regionalen Entscheidungsträgern gepflegt werden können. So wurde der Bauernbund 2019 in Namur vom Kabinett als kompetenter und gleichberechtigter Verhandlungspartner im Bereich der Milcherzeugung anerkannt. Das ist durchaus gerechtfertigt, denn die Deutschsprachige Gemeinschaft beherbergt 11 % der Milcherzeugerbetriebe der Wallonischen Region und erzeugt 14,5 % der regionalen Milchmenge. Der Bauernbund gehört seither neben der FWA, der UAW, der FJA, der FUGEA und der UNAB zu den sechs durch Regierungsbeschluss anerkannten landwirtschaftlichen Verbänden der Wallonie.
(Neue) Aufgaben für die Landwirtschaft von heute
Den Schwerpunkt der Arbeit des Bauernbundes bildet nach wie vor die Vertretung der Interessen der Landwirte. Während früher die politisch beeinflussbaren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Mittelpunkt standen, gewinnen umweltpolitische Themen zunehmend an Bedeutung. Man denke nur an die Nitratrichtlinie, Natura 2000 sowie an die Wasser-, Luft- und Bodenschutzrichtlinien.
Seitdem im Jahr 2020 die Raumordnung an die Deutschsprachige Gemeinschaft übertragen wurde, nimmt der Bauernbund auch auf dieser Ebene die Vertretung der Interessen der Landwirtschaft wahr und kann sich dabei auf eine Arbeitsgruppe stützen, die aus Mitgliedern aller im deutschsprachigen Raum aktiven Verbände besteht.
Die Zeiten ändern sich, die Mission bleibt: Für eine starke Landwirtschaft!