Der Bauernbund entstand Ende des 19. Jahrhunderts als die belgische Landwirtschaft durch eine schwere Krise erschüttert wurde.  Mit der Gründung des Bauernbundes wollten die Initiatoren eine Antwort auf die Probleme der damaligen Zeit geben.  Auch heute, im 21. Jahrhundert, setzt sich der Bauernbund für die Interessen seiner Mitglieder ein und bietet neue Lösungen für die neuen Probleme der Landwirtschaft.  Lesen Sie hier die fesselnde Geschichte unserer Organisation, die gleichzeitig einen Spiegel der Geschichte der Landwirtschaft und der Gesellschaft seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute darstellt.

Die folgenden Informationen basieren auf dem Buch „Ieder voor Allen. De Belgische Boerenbond 1890-1990“ von Prof. Dr. L. Van Molle.  (Französische Übersetzung: „Chacun pour tous“). Dieses interessante und tiefgreifende Werk (391 S.) erklärt die Geschichte des Bauernbundes in ihrem historischen Kontext. Daneben greifen wir auch auf das„100 Jahre Bauernbund im Bild“ von Patricia Quaghebeur sowie auf das im Grenz-Echoverlag erschienen Buch „150 Jahre landwirtschaftliche Vereine und Genossenschaften in Eupen-Malmedy-St. Vith“ von Heinrich Cremer zurück.

Am 20. Juli 1890 wurde in Leuven „ein Bauernbund“ ins Leben gerufen.  Viel hatte es anfangs mit dieser Gründung nicht auf sich.  So verfügte der „Bauernbund“ noch über keinerlei juristisches Statut, über keinen eigenen Sitz und noch nicht einmal über Startkapital, doch dafür über einen umso stärkeren Willen.

Laut Statuten aus dem Jahr 1890 war es das Ziel des Bauernbundes, durch die Wahrnehmung der religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder, „einen christlichen und mächtigen Bauernstand“ aufzubauen.

1890 war durch eine schwere gesellschaftliche Krise gekennzeichnet. Die belgische Industrie hatte mit großen Absatzschwierigkeiten zu kämpfen und weite Teile der Bevölkerung waren arbeitslos. Die belgische Landwirtschaft, die jahrhundertelang die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung gewährleistet hatte, wurde plötzlich durch billigere Importe landwirtschaftlicher Produkte aus aller Welt in ihrer Existenz bedroht. Die Großgrundbesitzer befürchteten den totalen Wertverlust ihrer Ländereien – und die Kleinbauern mussten zusehen, wie der Preisverfall ihr ohnehin äußerst bescheidenes Einkommen weiter schmälerte.

Die katholische Kirche und die damalige katholische Partei befürchteten, dass die verarmten Bauern in die Städte abwandern und anschließend zur aufkommenden sozialistischen Partei überlaufen könnten.

1899 begannen die Gründer, Pastor Jacob-Ferdinand Melllaert und die katholische Volksvertreter Joris Helleputte und Franz Schollaert, sich Gedanken über die konkrete Ausgestaltung der Organisation zu machen.  Ihnen schwebte „ein Haus, unter dessen Dach ein jeder Bauer Schutz findet“ vor. Innerhalb von zehn Jahren baute Sekretär Mellaert die Organisation kontinuierlich aus. Er gründete dutzende lokale Bauerngilden, lancierte das Wochenblatt „De Boer“, startete mit der beruflichen Aus- und Weiterbildung der Bauern und baute die genossenschaftlichen Ankaufabteilungen, die Raiffeisen-Kassen und die Betriebsversicherungen aus.

Hiermit legte er den Grundstein für die wirtschaftlichen Aktivitäten des Bauerbundes im 20. Jahrhundert im Bereich der Versorgung mit Mischfutter, Dünger und anderen Produktionsmitteln sowie im Bereich des Kredit- (Sparkassen) und des Versicherungswesens.

1903 folgte mit Eduard Luytgaerens ein anderer Priester Mitgründer Mellaerts als Generalsekretär nach. Innerhalb kurzer Zeit gelang es Luytgaerens, die interne Verwaltung (Mitgliederverwaltung, Buchhaltung, Geschäftsführung, …) zu organisieren. Klarer als jeder andere erkannte er die Schwachstellen der noch jungen Organisation. Ab 1907 begann er, die Bäuerinnen zu organisieren, 1911 folgten die Gärtner und Anfang der 20er Jahre die Bauernjugend. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges zählte der Bauernbund mehr als 7000 Mitglieder.

Der Erste Weltkrieg traf den Bauernbund schwer, doch er versuchte, seine Arbeit so gut wie eben möglich weiterzuführen.  Viele Gilden mussten trotzdem nach dem ersten Weltkrieg neu gegründet und aufgebaut werden.

Nach dem Krieg schaltete Luytgaeren, zusammen mit Helleputte, den Bauernbund in die Arbeit der Christlichen Partei ein. Gleichzeitig verstärkte Luytgaeren das christliche Engagement der Organisation. Dazu gehörten u.a. Pilgerfahrten nach Scherpenheuvel und Lourdes, Exerzitien und die Teilnahme an der Katholischen Aktion (Katholieke Actie).

In vergleichsweise kurzer Zeit wuchs der Bauernbund zu einer auffallend erfolgreichen berufsständigen Organisation heran. Im In- und Ausland galt der Bauernbund als Paradebeispiel für die gelungene gewerkschaftliche Organisation von Bauern.  Entsprechend wurden seine Strukturen in vielen Ländern kopiert, wie z.B. in den Niederlanden, in Kanada, in Argentinien bis hin nach China!

Der Beitrag des Bauernbundes zur Modernisierung der Landwirtschaft ist über jeglichen Zweifel erhaben. Der Bauernbund vermittelte den Landwirten die Grundlagen des modernen Ackerbaus, der Bodenbearbeitung, der Aussaat und der Düngung ebenso wie die Grundsätze der Viehfütterung und -zucht, der Hygiene und der Verarbeitung von Milch.

Es ist nicht vermessen zu behaupten, dass die deutlichen Ertragssteigerungen der belgischen Landwirtschaft zwischen den beiden Weltkriegen in bedeutendem Maße dem Aus- und Weiterbildungsprogramm des Bauernbundes zu verdanken ist.

Die steigenden Mitgliedszahlen mögen wahrscheinlich der beste Maßstab sein, um den Erfolg des Bauernbundes zu messen: 1920 zählte der Bauernbund bereits 88.000 Mitglieder, und 1930 waren es deren ca. 128.000.

In seinen Anfangsjahren beschränkte sich die Tätigkeit des Bauernbundes auf die Provinzen Brabant, Limburg und Antwerpen. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kamen Ost- und Westflandern hinzu. Und im Laufe der 1920er Jahre wurden die kommerziellen Aktivitäten auf Wallonie, die Ostkantone und sogar auf Nordfrankreich (mit einem bedeutenden Anteil an, aus Flamen stammenden, Bauern) ausgeweitet.

Nach den guten sollten auch wieder schlechte Zeiten für den Bauernbund kommen. In den unruhigen 30er Jahre geriet das sensible Gleichgewicht aus den Fugen. Eine neue internationale Krise ließ die belgische Landwirtschaft nicht unberührt. Die Bauern murrten und manche wandten sich vom Bauernbund ab, weil sie es ihm nicht zutrauten, dass er das Blatt würde wenden können. Auch die zahlreichen Landarbeiter wurden immer unzufriedener. Ihnen und ihren Anliegen hatte der Bauernbund in der Vergangenheit zu keiner Zeit viel Aufmerksamkeit geschenkt. Nun liefen sie zur christlichen Arbeiterbewegung über.  Zudem begann der Mittelstand lauthals gegen den Bauernbund mobil zu machen, dessen An- und Verkaufsabteilungen ihm ein Dorn im Auge waren. Die flämischen Nationalisten kritisierten, der Bauernbund sei nicht flämisch genug orientiert. Im französischsprachigen Landesteil wurde der Bauernbund durch die wallonischen Nationalisten als ein gefährlicher Eindringling auf wallonischem Boden dargestellt. Und schließlich war die Kirche nicht länger gewillt, die wachsenden kommerziellen Aktivitäten des Bauernbundes zu akzeptieren, während weltliche Führungspersonen der Organisation sich mit der Einmischung der Kirche in die Politik des Bauernbundes schwer taten.

Kurzum, der Bauernbund wurde von allen Seiten angegriffen. Mitten in diesem Chaos geriet 1934 die Middenkredietkas, eine Bank des Bauernbundes, in Schwierigkeiten. Den Hintergrund bildeten die allgemeine wirtschaftliche und finanzielle Krise in Europa in Kombination mit auch unvernünftigen Investitionen der Bank und politischen Verdächtigungen. Einen Augenblick lang schien es, als ob mit dem Crash der Kredietkas die gesamte Organisation des Bauernbundes ins Wanken geraten sei.

Es zeugt von der Lebenskraft und der Bedeutung des Bauernbundes, dass er sich von diesem Schlag erholt hat. Dabei waren die Umstände alles andere als günstig. Die Landwirtschaft hatte bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges weiter mit Schwierigkeiten zu kämpfen.  Zudem war die innenpolitische Instabilität damals größer denn je und der katholischen Partei ging der Atem aus.  Gleichzeitig wuchsen die politischen Spannungen auf internationaler Ebene.

Der Zweite Weltkrieg wurde für den Bauernbund eine schwierigere Prüfung als der Erste Weltkrieg. Die Nationale Landwirtschafts- und Nahrungsmittelkorporation drohte langsam aber sicher die Arbeit des Bauernbundes in einer staatlichen Agrarökonomie nach deutschem Modell zu knebeln, so dass der Bauernbund dem Erstickungstod nahe war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Bauernbund vor neuen Herausforderungen. Modernisierung und Internationalisierung der Agrarmärkte waren nicht mehr aufzuhalten. Doch die belgische Landwirtschaft war schlecht auf die internationalen Wettbewerbe vorbereitet. So wurde etwa der Benelux-Zusammenschluss durch die Bauern und den Bauernbund als eine große Bedrohung erfahren, mit der Folge, dass die belgischen Unterhändler sich jahrelang erfolgreich gegen die Schaffung eines einheitlichen Agrarmarktes in den drei Benelux-Staaten gewehrt haben. In der Zwischenzeit wurden große Anstrengungen unternommen, um die Produktivität und die Rentabilität der belgischen Landwirtschaft zu steigern. Die Folge war eine Übersättigung des inländischen Marktes innerhalb kurzer Zeit, so dass Belgien auf einmal dringend neue Absatzmärkte im Ausland benötigte.

Vor diesem Hintergrund wurde die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), dem Vorläufer der Europäischen Union (EU) nicht mehr als Bedrohung, sondern als eine Chance angesehen. Die EWG schuf neue Möglichkeiten, aber auch neue Probleme. Kleine, nicht spezialisierte landwirtschaftliche Betriebe waren den hohen Anforderungen der Markterweiterung nicht mehr gewachsen und viele landwirtschaftliche Betriebe mussten aufgeben. Wer weiterhin in der Landwirtschaft tätig sein wollte, musste investieren, modernisieren und sich spezialisieren.

Der Bauernbund stand vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits musste er seine Aus- und Weiterbildung sowie die Beratung modernisieren und auf die hohen Anforderungen der Spezialisierung abstimmen. Andererseits konnte und wollte er sein vielfältiges soziales Dienstleistungsangebot im ländlichen Raum nicht den Anforderungen der neuen landwirtschaftlichen Technologien opfern.

Aveve, ABB und Cera folgten den wirtschaftlichen Entwicklungen der Nachkriegszeit in guten wie in schlechten Zeiten auf Schritt und Tritt.  Ihnen ging es nicht alleine um Dienstleistungen für die ländliche Bevölkerung, sondern auch „ums Geschäfte machen“.

Von den drei großen wirtschaftlichen Sparten stand Aveve, die Ankaufs- und Verkaufsgenossenschaft des Bauernbundes, den Landwirten und Gärtnern immer am nächsten. ABB hat sich als Versicherungsgesellschaft ohnehin zu keiner Zeit auf den ländlichen Raum oder gar die landwirtschaftliche Kundschaft beschränkt, während Cera sich allmählich zu einer All-Round-Bank entwickelte.

Alle drei, Aveve, ABB und Cera, konnten ihre Aktivitäten in der Nachkriegszeit in bedeutendem Maße ausweiten.  Das wirtschaftliche Wachstum ermöglichte letztendlich auch die Expansion des Bauernbundes als Berufsverband sowie die soziokulturelle Arbeit des Bauernbundes.

Der rasche Rückgang der Zahl der Landwirte und Gärtner blieb nicht ohne Folgen für den Bauernbund. Die Organisation musste sich an die veränderte Realität im ländlichen Raum anpassen.

Trennung von ländlicher Bewegung und Berufsorganisation

Zwischen 1964 und 1971 verdreifachte sich die Zahl der Nicht-Landwirte unter den Mitgliedern. Im Jahr 1971 wurde die Mitgliederstruktur in eine ländliche Bewegung und eine Berufsorganisation aufgeteilt.

  • Die ländliche Bewegung umfasste die Organisationen KVLV, KLJ und die neu gegründeten Landelijke Gilden (Ländliche Gilden). Diese traten auf lokaler Ebene die Nachfolge der Pfarr-Bauerngilden an, standen nun jedoch allen Interessierten offen.
  • Die Betriebsgilden übernahmen die berufsbezogene Interessenvertretung. Gemeinsam mit den Agra-Kreisen (für die mitarbeitenden Ehepartnerinnen) und dem Grünen Kreis (für junge und angehende Landwirte und Gärtner) bildeten sie die Berufsorganisation.

Wachstum der landwirtschaftlichen Betriebe

Der Trend zu größeren landwirtschaftlichen Betrieben setzte sich fort. Neue Technologien hielten Einzug in die Landwirtschaft. Gleichzeitig sah sich der Agrarsektor mit einer zunehmenden gesellschaftlichen Diskussion über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, den Schutz von Wasser- und Bodenqualität, das Tierwohl, Produktionsüberschüsse, europäische Subventionen und weitere Themen konfrontiert.

Auf gewerkschaftlicher Ebene waren die 1990er-Jahre für den Bauernbund häufig von Turbulenzen geprägt. Die Landwirtschaft hatte ein schlechtes Image. Innerhalb der Organisation wuchs die Erkenntnis, dass eine Landwirtschaft notwendig ist, die sowohl wirtschaftlich, ökologisch als auch sozial nachhaltig ist. Insbesondere die Nährstoffüberschüsse aus der Tierhaltung zwangen die Behörden – unter dem Druck von Umwelt- und Naturschutzverbänden – zu weitreichenden Maßnahmen.

Strenge Aktionspläne zur Düngung

Die Vorschriften der aufeinanderfolgenden Aktionspläne zur Düngung gingen für die meisten Landwirte zu schnell. Aus Sicht des Bauernbundes geriet dadurch die wirtschaftliche Nachhaltigkeit des Sektors in Gefahr. Dies führte über mehrere Jahre hinweg zu Protestaktionen, Demonstrationen und Traktorenkundgebungen.

Der Bauernbund und die Ostkantone

Landwirtschaftliche Anfänge unter preußischer Verwaltung

Der Landstreifen, der in Flandern als die „Ostkantone“ bekannt ist, gehörte seit Anfang des 19. Jahrhunderts zum Königreich Preußen.

Bereits ab den 1840er Jahren sind erste Aktivitäten landwirtschaftlicher Vereine im Raum Malmedy und Eupen dokumentiert. Das Hauptaugenmerk lag damals auf der Verbesserung der sehr ärmlichen und rückständigen Bewirtschaftungsmethoden, die hauptsächlich auf den Ackerbau ausgerichtet waren. Schon damals setzten die Verbände auf Lokalsektionen, die sogenannten Casinos. Damit sollte erreicht werden, dass in allen größeren Ortschaften während der Wintermonate Zusammenkünfte organisiert wurden, um landwirtschaftliche Themen zu behandeln.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Schwerpunkt in dieser Zeit auf der Vermittlung von Fachwissen lag. Angesichts der großen Not kamen schon bald Fragen des Spar- und Kreditwesens sowie des Versicherungswesens hinzu.

Raiffeisen und die Genossenschaftsidee

In diesem Zusammenhang muss der Name von Friedrich Wilhelm Raiffeisen genannt werden. Der 1818 geborene Raiffeisen gründete im Jahr 1864 in Neuwied die erste genossenschaftliche Spar- und Kreditkasse nach den Grundsätzen der gegenseitigen Hilfe, der Selbstverwaltung und der Selbstkontrolle. Bereits 1869 wurde in Büllingen ein „Darlehenskassen-Verein“ nach dem Vorbild Raiffeisens gegründet.

Die eigentlichen landwirtschaftlichen Berufsorganisationen entstanden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die europäische Landwirtschaft in eine tiefe Krise geraten war. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Entwicklung in Preußen kaum von jener in Flandern. Bemerkenswert ist, dass der eingangs erwähnte Gründer des Belgischen Boerenbond, Pastor Mellaerts, das Raiffeisen-System zuvor im Rheinland studiert hatte.

Die Eingliederung der Ostkantone in Belgien

Für die ostbelgischen landwirtschaftlichen Strukturen änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg schlagartig alles, als die deutschen Kreise Eupen und Malmedy 1920 durch den Vertrag von Versailles als die Kantone Eupen, Malmedy und St. Vith in das Königreich Belgien eingegliedert wurden.

Da das neubelgische Gebiet stark bäuerlich geprägt war, lag es nahe, die Eingliederung der Bevölkerung in Belgien über eine Bauernorganisation zu unterstützen. Zu diesem Zweck nahm der für die neuen belgischen Gebiete zuständige Gouverneur Baltia Kontakt mit der Führungsspitze des Belgischen Boerenbondes in Löwen auf. Es wird vermutet, dass Baltia davon ausging, dass die Verständigung zwischen den deutschsprachigen Neubelgiern und den Flamen einfacher sein würde als mit den französischsprachigen Wallonen. Noch wichtiger dürfte jedoch gewesen sein, dass der Belgische Boerenbond nach denselben Raiffeisen-Prinzipien arbeitete wie der Rheinische Bauernverein, dem die Bauern bis zur Eingliederung der Gebiete in das Königreich Belgien angeschlossen gewesen waren.

Der Bauernbund ging wohlwollend auf Baltias Anfrage ein. So entstanden in den meisten größeren Ortschaften der Ostkantone sehr schnell Spar- und Darlehenskassen, Verkaufsstellen für Futter- und Düngemittel, Versicherungsagenturen sowie ein landwirtschaftliches Beratungssystem nach flämischem Vorbild. Von Anfang an achtete der Bauernbund darauf, dass die Neubelgier in ihrer Muttersprache bedient wurden. Bereits ab April 1924 erschien die Verbandszeitschrift „Der Bauer“ für die ostbelgischen Mitglieder.

Trennung und politische Spannungen der Zwischenkriegszeit

Das gute Einvernehmen mit dem flämischen Bauernbund währte im südlichen Teil Ostbelgiens jedoch nicht lange. Im Jahr 1927 kam es zur Trennung des Landwirtschaftlichen Verbandes Malmedy-St. Vith vom Belgischen Bauernbund.

Man kann von einer politisch turbulenten Zeit sprechen, in der sich die landwirtschaftlichen Verbände des Kreises Malmedy-St. Vith wieder stärker an die ehemalige deutsche Heimat anlehnten. Der Kreis Eupen unterhielt dagegen bis in die 1930er Jahre regelmäßige Beziehungen zum flämischen Bauernbund. 1934 wurde mit dessen Hilfe in Walhorn eine Molkerei gegründet. Die Löwener Zentralkasse gewährte die notwendigen Darlehen, während der Technische Dienst des Bauernbundes die Pläne entwarf.

Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Mit der Wiedereingliederung von Eupen-Malmedy in das Deutsche Reich am 18. Mai 1940 fand die Tätigkeit des Bauernbundes in den Ostkantonen vorübergehend ein Ende. Bereits im Jahr 1946, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nahm der Bauernbund seine Tätigkeit in Ostbelgien wieder auf. Auch heute noch rechnen es viele deutschsprachige Belgier dem Bauernbund hoch an, dass er niemanden nach „Schuld“ oder „Unschuld“, nach „Vergangenheit“ oder politischer Einstellung beurteilte, sondern unterschiedslos jeden einlud, an der Gestaltung einer besseren Zukunft mitzuwirken. Diese Haltung trug sicherlich dazu bei, dass sich die Organisation rasch weiterentwickelte und überall neue Bauerngilden, Ankaufabteilungen und Raiffeisenkassen entstanden.

In den 1950er Jahren wurden der Bezirksverband der Bauerngilden, der Verband der deutschsprachigen Landwirte, der LFV und die KLJ aufgebaut. Es folgten vier Jahrzehnte fruchtbaren Wirkens des Bauernbundes in den Ostkantonen.

Autonomiebewegung und neue Herausforderungen

In den 1970er Jahren zog sich der Bauernbund aus dem Kanton Malmedy zurück, der sich im Laufe der Zeit zu einem nahezu rein französischsprachigen Gebiet entwickelt hatte und sich wirtschaftlich wie gesellschaftlich zunehmend an Wallonien orientierte. Die dortigen Gilden schlossen sich dem wallonischen Schwesterverband Alliance Agricole Belge (AAB) an. Etwa zur gleichen Zeit wurden im deutschsprachigen Ostbelgien die Autonomiebestrebungen intensiviert. Diese mündeten zunächst in eine kulturelle Autonomie und später in die Anerkennung der Bewohner der neun deutschsprachigen Gemeinden als dritte Gemeinschaft Belgiens: die Deutschsprachige Gemeinschaft, die die Kantone Eupen und Sankt Vith umfasst.

In den Jahren 2001 und 2002 wurden die deutschsprachigen Landwirte durch die Entscheidung der Regierung in Brüssel verunsichert, fast alle Kompetenzen im Bereich Landwirtschaft auf die Regionen zu übertragen. Dadurch waren sie praktisch über Nacht ihrer Einflussmöglichkeiten auf die Agrarpolitik beraubt. Denn vom damaligen wallonischen Landwirtschaftsminister Happart konnte man kaum erwarten, dass er den flämisch orientierten Verband der deutschsprachigen Landwirte in Namur am Verhandlungstisch akzeptieren würde.

Seitens der Führungsspitze in Leuven kam jedoch ein klares Bekenntnis an die Landwirte der Deutschsprachigen Gemeinschaft, dass der Bauernbund zu seinen dortigen Mitgliedern stehe und die Unterstützung der deutschsprachigen Mitglieder nicht infrage gestellt werde. Dieser Standpunkt wurde 2007 vom damaligen Vorsitzenden Vanthemsche anlässlich eines Antrittsbesuchs in der Region erneut bekräftigt.

Dass der Anteil der deutschsprachigen Landwirte trotz der Regionalisierung der Befugnisse nicht sinkt, sondern steigt, ist in erster Linie dem großen Engagement des Bauernbundes zuzuschreiben. So gewährleistet der Bauernbund die finanziellen und personellen Mittel für eine qualitativ hochwertige Betreuung, Beratung und Information seiner Mitglieder in ihrer Muttersprache. Darüber hinaus fühlen sich die Mitglieder durch den Bauernbund in europäischen und föderalen Angelegenheiten bestens vertreten.

Starke Interessenvertretung in der Wallonie

Wichtig ist auch, dass seit der Amtszeit von Benoît Lutgen als wallonischer Landwirtschaftsminister gute Kontakte zu den regionalen Entscheidungsträgern gepflegt werden können. So wurde der Bauernbund 2019 in Namur vom Kabinett als kompetenter und gleichberechtigter Verhandlungspartner im Bereich der Milcherzeugung anerkannt. Das ist durchaus gerechtfertigt, denn die Deutschsprachige Gemeinschaft beherbergt 11 % der Milcherzeugerbetriebe der Wallonischen Region und erzeugt 14,5 % der regionalen Milchmenge. Der Bauernbund gehört seither neben der FWA, der UAW, der FJA, der FUGEA und der UNAB zu den sechs durch Regierungsbeschluss anerkannten landwirtschaftlichen Verbänden der Wallonie.

(Neue) Aufgaben für die Landwirtschaft von heute

Den Schwerpunkt der Arbeit des Bauernbundes bildet nach wie vor die Vertretung der Interessen der Landwirte. Während früher die politisch beeinflussbaren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Mittelpunkt standen, gewinnen umweltpolitische Themen zunehmend an Bedeutung. Man denke nur an die Nitratrichtlinie, Natura 2000 sowie an die Wasser-, Luft- und Bodenschutzrichtlinien.

Seitdem im Jahr 2020 die Raumordnung an die Deutschsprachige Gemeinschaft übertragen wurde, nimmt der Bauernbund auch auf dieser Ebene die Vertretung der Interessen der Landwirtschaft wahr und kann sich dabei auf eine Arbeitsgruppe stützen, die aus Mitgliedern aller im deutschsprachigen Raum aktiven Verbände besteht.

Die Zeiten ändern sich, die Mission bleibt: Für eine starke Landwirtschaft!