„Produktion droht Belgien zu verlassen“: Lebensmittelbranche fordert Kurswechsel

Verfasst am 20.05.2026
Veröffentlicht in Ausgabe 2026 - 10

Die belgische Lebensmittelindustrie bleibt zwar die größte Industriebranche des Landes, doch hinter den weiterhin starken Kennzahlen wächst die Sorge um die Zukunft des Standorts Belgien. Bei der Vorstellung ihres wirtschaftlichen Jahresberichts 2025 warnt die Branchenorganisation Fevia eindringlich vor einem schleichenden Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Ohne politische Gegenmaßnahmen drohten Produktionsverlagerungen ins Ausland – mit Folgen für Beschäftigung, Investitionen und die gesamte Agrar- und Lebensmittelkette.

Mit einem Umsatz von 85,1 Milliarden Euro, Exporten im Wert von 42,4 Milliarden Euro und mehr als 102.000 Arbeitsplätzen bleibt die Lebensmittelindustrie das industrielle Schwergewicht Belgiens. Die Branche steht für mehr als ein Viertel des gesamten Industrieumsatzes des Landes. Doch laut Fevia verdecken die positiven Zahlen eine zunehmend fragile Realität.

Zwar konnte die Branche 2025 erneut wachsen, doch der Aufschwung basiert fast ausschließlich auf dem Export innerhalb Europas. Der Binnenmarkt hingegen stagniert. Gleichzeitig gewinnen ausländische Produkte immer stärker an Boden in den belgischen Supermärkten. Besonders auffällig ist dabei die Konkurrenz aus den Niederlanden: Der Anteil niederländischer Produkte in den Regalen hat sich innerhalb von 15 Jahren mehr als verdoppelt und liegt inzwischen bei über 16 Prozent.

Auch die grenzüberschreitenden Einkäufe bleiben hoch. Belgische Verbraucher gaben 2025 rund 705 Millionen Euro für Lebensmittelkäufe im Ausland aus. Der größte Teil entfiel auf Frankreich, gefolgt von den Niederlanden sowie Deutschland und Luxemburg. Für Fevia ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass belgische Produkte preislich zunehmend unter Druck geraten.

Hinzu kommt eine schwächere internationale Dynamik. Während die Exporte innerhalb der EU noch wachsen, stagnieren die Ausfuhren in Länder außerhalb Europas. Selbst auf dem US-Markt, dem wichtigsten Nicht-EU-Absatzmarkt der belgischen Lebensmittelindustrie, verliert das Wachstum an Tempo. Besonders alarmierend bewertet die Branche die Entwicklung im vierten Quartal 2025: Der Umsatz ging zurück, gleichzeitig rutschte das Exportwachstum mit minus zwei Prozent erstmals deutlich ins Negative. Fevia spricht von einem kaum gekannten Warnsignal.

Die Branche sieht sich dabei mit einer ganzen Reihe struktureller Belastungen konfrontiert. Geopolitische Spannungen, insbesondere der Konflikt im Nahen Osten, treiben Energie-, Transport- und Verpackungskosten weiter in die Höhe. Viele Unternehmen verzichten bislang darauf, die Mehrkosten vollständig an den Handel oder die Verbraucher weiterzugeben. Dadurch geraten jedoch die Gewinnmargen und damit auch die Investitionsfähigkeit zunehmend unter Druck.

Besonders kritisch bewertet Fevia die Kostenstruktur in Belgien. Die Lohnkosten liegen laut Verband inzwischen mehr als 23 Prozent über dem Durchschnitt der Nachbarländer. Für die Unternehmen werde es dadurch immer schwieriger, im internationalen Wettbewerb mitzuhalten. Gleichzeitig sinkt das Unternehmervertrauen, während das Beschäftigungswachstum auf den niedrigsten Stand seit 2015 zurückgefallen ist. Für Fevia handelt es sich nicht mehr um eine kurzfristige Schwächephase, sondern um ein strukturelles Problem.

Die Organisation fordert deshalb ein umfassendes Maßnahmenpaket. Kurzfristig müsse die Kaufkraft der Verbraucher gestützt werden, damit Lebensmittel und Getränke bezahlbar bleiben. Fevia spricht sich daher gegen eine Mehrwertsteuererhöhung aus und fordert niedrigere Verpackungsabgaben, geringere Verbrauchssteuern sowie eine Senkung der sogenannten Müllabgabe auf das Niveau der Nachbarländer.

Darüber hinaus verlangt die Branche strukturelle Reformen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Dazu gehören eine Kontrolle der Lohnkosten, Anpassungen bei der automatischen Lohnindexierung sowie die Beibehaltung der Unterstützung für Nacht- und Schichtarbeit. Auch niedrigere Strompreise, weniger Verwaltungsaufwand und gleiche Wettbewerbsbedingungen innerhalb Europas stehen auf der Prioritätenliste.

Die Warnung von Fevia richtet sich dabei nicht nur an die Politik, sondern betrifft die gesamte Lebensmittelkette. Nach Ansicht des Verbands hängen Landwirtschaft, Verarbeitung, Logistik, Handel und Gastronomie eng zusammen. Wenn Lebensmittelunternehmen Produktionsstandorte abbauen oder ins Ausland verlagern, habe dies direkte Auswirkungen auf die belgische Landwirtschaft und auf zahlreiche Zulieferer.

Unterstützung erhält Fevia unter anderem aus der Landwirtschaft. Auch der Boerenbond teilt die Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit der belgischen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Trotz gelegentlicher Spannungen bei Preisverhandlungen seien Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie eng miteinander verbunden. Beide Seiten hätten ein gemeinsames Interesse daran, dass belgische Rohstoffe weiterhin in Belgien verarbeitet und verkauft werden.

Für Fevia steht fest: Die Lebensmittelindustrie befindet sich an einem Wendepunkt. Noch verfügen viele Unternehmen über genügend Widerstandskraft, um wirtschaftliche und geopolitische Schocks abzufedern. Doch ohne rasche politische Entscheidungen könnte diese Stabilität bröckeln. Die Branche warnt deshalb eindringlich davor, ihre Präsenz in Belgien als selbstverständlich anzusehen.

Pascale Schröder