Im Gespräch: Wirklichkeit und Theorie
Zufriedenheit der Landwirte
Der PFF-Abgeordnete Gerhard Löfgen, freundschaftlich von Allen auch „Camillo“ genannt, stellt im Anschluss der Präsentation eine grundlegende Frage: „Also ich bin ja nicht Landwirt, aber mich würde mal interessieren, wie zufrieden die Landwirte sind. Man hört ja wirklich glückliche Landwirte und dann hört man die Landwirte, die eher unglücklich sind. Ich glaube hier ist der richtige Ort, um so eine Idee zu bekommen. Wo steht die ostbelgische Landwirtschaft?“ Eine sehr ehrliche Frage des Abgeordneten, auf die die Landwirte gerne und offen geantwortet haben. Roger Croé ist direkt darauf eingegangen und erklärt, dass er klein angefangen habe. Doch mit den Jahren habe er sich und den Betrieb weiterentwickeln können. Seinen Kindern habe nie an etwas gefehlt. Natürlich sei dieser Beruf mit Verzicht verbunden. Zum Beispiel gehe man nicht jährlich mit den Kindern in den Urlaub. Seine Frau Rita ergänzt, ein Urlaub sei immer auch eine große logistische Herausforderung gewesen. Sie fasst zusammen: „Es gibt immer gute und schlechte Zeiten. Im Großen und Ganzen sind wir aber sehr zufrieden“.
Bei den jüngeren anwesenden Landwirten findet diese Frage ebenfalls Anklang. Jannis Zimmermann erklärt: „Wie soll ich das jetzt ausdrücken? Das liegt auch ein bisschen an der Generation. Bei uns im Grünen Kreis hört man sehr selten einen nörgeln. Wir sind eigentlich sehr motiviert und wollen nach vorne.“ Philipp Croé beschreibt diese Generation als aktiv und konstruktiv. „Wir engagieren uns sehr aktiv“, erklärt er und dabei merke man auch, „dass das etwas bewirkt“. Sein Weg führt nicht in den Rückzug, sondern über Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und konkrete Einflussnahme.
Auch Alexander Reul ist mit seinem Beruf sehr zufrieden. „Er ermöglicht bei schönem Wetter draußen arbeiten, bei schlechtem Wetter mache ich eben was anderes.“ Doch dieselbe Freiheit, die viele als Erfüllung erleben, hat ihren Preis. Landwirtschaft kennt keinen Feierabend auf Knopfdruck. Tiere warten nicht bis Montagmorgen, Kühe kennen keine Vier-Tage-Woche und wenn Fehler passieren, muss man manchmal tief in die Tasche greifen. Alexander Reul formulierte diese Kehrseite sehr deutlich: „Man ist auf Abruf.“ Und genau das scheint für viele zum Kernproblem zu werden. Gerade in einer Zeit, in der Begriffe wie Work-Life-Balance, Freizeit und persönliche Freiräume gesellschaftlich immer wichtiger werden. Gerhard Löfgen fasst es wie folgt treffend zusammen: „Die Kühe sind sieben Tage auf sieben da.“
Unnötige Bürokratie: eine Belastung
Dass viele Landwirte jedoch frustriert wirken, ist keineswegs eingebildet. Immer wieder kommt im Gespräch zur Sprache, dass nicht die Arbeit selbst, sondern die zunehmende und komplizierte Bürokratie der größte Frustfaktor ist.
Für Resel Reul sind die Auflagen und Formalitäten ein großes Problem in der Landwirtschaft: „Ich glaube aber auch, dass vielen Landwirten die Formalitäten aufstoßen. Es gibt weniger aktive Landwirte als Personen, die in Büros arbeiten und die Landwirtschaft beaufsichtigen. Und immer, wenn ein Baum gefällt wird, muss man 20 Seiten ausfüllen. Das ist doch nicht normal. Das stört sehr viele Landwirte.“ In der Runde können alle Landwirte dieser Aussage nur zustimmen.
Alexander Reul schildert besonders anschaulich, wie umständlich selbst scheinbar einfache Situationen im Alltag eines Landwirts werden können. In einem konkreten Fall ging es um eine zugewachsene Gasse, die der Gemeinde gehörte. Der Lohnunternehmer wollte dort irgendwann nicht mehr durchfahren und hat angeboten, die hinderlichen Äste selbst zu kappen. Er fährt fort: „Dann ist der Förster gekommen, wir haben zusammen geguckt, welcher Ast weg kann.“ Von der Gemeinde hieß es jedoch, er müsse einen Antrag mit sämtlichen Codes stellen – Codes, die er nicht kannte. Alexander Reul schließt mit der Bemerkung: „Es hat sich alles geregelt. Andererseits denke ich mir aber: Wenn der Förster kommt und sagt: ‚Okay, dieser Baum kann weg.‘ Dann soll es auch gut sein und es soll nicht so eine Aktion losgetreten werden.“
Für den Ecolo-Abgeordneten, Andreas Jerusalem, liegt dahinter ein grundsätzliches politisches Problem. „Manchmal hat man das Gefühl, irgendwo geht der gesunde Menschenverstand verloren“, sagt er. Man wolle bis ins letzte Detail Regeln erfassen, wodurch laut dem Abgeordneten jedoch „Schwachsinnsregeln“ entstünden. Roger Croé fasst denselben Gedanken knapper, aber nicht weniger treffend zusammen: „Mehr Logik muss da manchmal reinkommen.“ Dieser Satz steht wie ein Leitmotiv über dem gesamten Gespräch.
Wertschätzung der Landwirtschaft
Ein weiterer angesprochener Punkt ist die Wertschätzung der Landwirtschaft. Zu dieser Zermürbung kommt noch etwas anderes: das Gefühl, dass Landwirtschaft zwar gern romantisiert, aber im Alltag oft zu wenig wertgeschätzt wird.
Andreas Jerusalem nennt dazu ein Beispiel, das viele im Raum sofort nachvollziehen können: „Jeder ist bereit, 20 Euro für eine Stunde Reiten zu bezahlen.“ Bei Lebensmitteln dagegen werde um jeden Cent gefeilscht. Genau darin liege ein grundlegender Widerspruch. Wenn Produkte teurer werden, ist die Empörung oft groß, obwohl gleichzeitig für Freizeit und Konsum ganz andere Maßstäbe gelten. Dabei leisten die Betriebe weit mehr, als nur Milch oder Fleisch zu erzeugen. Hans Reul erinnert daran, dass gerade die Landschaft, die so viele Menschen an Ostbelgien schätzen, von Landwirten geschaffen und gepflegt wird: „Die Touristen, die kommen ja sehr gerne hierhin, um die Landschaft und die Natur zu sehen. Und die Landwirte haben die Landschaft gestaltet, wie sie ist.“ Wertschätzung für die Landwirtschaft bedeutet deshalb auch, anzuerkennen, dass hinter jedem Produkt, jeder Wiese und jeder gepflegten Hecke Arbeit, Verantwortung und täglicher Einsatz stecken.