Veviba-Skandal: Maßnahmenpaket für den Rindfleischsektor

Verfasst am 15.03.2018
Abgelegt unter Bauernbund unternimmt

Die Agrofront hat dem föderalen Landwirtschaftsminister Ducarme ein Paket mit Maßnahmen zur Unterstützung des Rindfleischsektors übermittelt. Es umfasst strukturelle Maßnahmen auf Ebene der Schlachtbetriebe und Fleischverarbeiter, Maßnahmen zur Wiederherstellung des Vertrauens in Rindfleisch sowie wirtschaftliche Maßnahmen zur Begrenzung der Auswirkungen des Veviba-Skandals auf die Rindviehhalter.

Im Einzelnen handelt es sich um:

Forderungen an Regierung und Behörden

1. Abstimmung der verschiedenen Kontrollbehörden untereinander

Die Kontrollbefugnis in den Schlachthöfen und fleischverarbeitenden Betrieben ist stark zersplittert. Die FASNK ist für die sanitäre Kontrolle und die Aufsicht über die Schlachtkörper zuständig. Der FÖD Wirtschaft wacht darüber, dass die Schlachtkörper korrekt gewogen werden. Die Kontrolle der korrekten Präsentierung und Klassifizierung der Schlachtkörper obliegt wiederum den regionalen Behörden. Darüber hinaus bestehen auch noch interprofessionelle Vereinbarungen zwischen den Schlachtbetrieben und den Rindfleischerzeugern, die über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehen.

Um die Organisation der Kontrollen zu bewerten, die Kontrollen besser aufeinander abzustimmen und deren Ergebnisse korrekt zu bewerten, schlägt die Agrofront ein Rundtischgespräch aller Kontrollbehörden vor. Ein integrierter Kontrollansatz der verschiedenen Kontrollstellen muss schlüssige Garantien für ein auf der ganzen Linie übereinstimmendes, kohärentes Endergebnis bieten.

2. Korrektes Wiegen in der Schlachtlinie

Die Agrofront fordert zusätzliche Maßnahmen des FÖD Wirtschaft, um zu gewährleisten, dass Lebendvieh und Schlachtkörper jederzeit korrekt gewogen werden.

2.1. Wiegeeinrichtungen häufiger kontrollieren und eichen

Momentan werden die Waagen nur alle vier Jahre geeicht. Das ist eindeutig zu wenig. In den modernen, großen Schlachtbetrieben werden täglich hunderte von Rindern und gar tausende von Schweinen geschlachtet. Selbst eine geringe Abweichung der Messgenauigkeit kann deshalb großen wirtschaftlichen Schaden verursachen. Dies gilt umso mehr als es keine verlässliche Methode gibt, um das Gewicht des lebenden Rindes mit seinem späteren Schlachtkörpergewicht in Bezug zu setzen. Mit anderen Worten: Der Erzeuger ist voll und ganz davon abhängig, dass im Schlachthof beim Wiegen nicht geschummelt wird.

2.2. Unangekündigte Kontrollen der Waagen

Neben einer häufigeren Eichung fordern die landwirtschaftlichen Verbände auch, dass die Überprüfung der Waagen unangekündigt erfolgt. Das gilt ganz speziell für die digitalen Waagen, die allgemein Standard sind.

2.3. Durchführung der Kontrollen

Die Agrofront spricht sich dafür aus, die Kontrolle der Waagen von FÖD Wirtschaft an ein unabhängiges zertifiziertes Kontrollorgan auszulagern, das auch die Eichung übernehmen kann.

Sektorielle Initiativen und Maßnahmen

1. Umsetzung der Branchenvereinbarung in Sachen Transparenz
1.1. Die Vereinbarungen müssen unverzüglich umgesetzt werden.
1.2. Standard-Anbietungsform für die Schlachtkörperklassifizierung

Die Agrofront fordert, dass alle Rinderschlachtkörper in einer einheitlichen Zusammensetzung präsentiert und angeboten werden. Alle Schlachtkörper müssen 24 Stunden lang ab dem Zeitpunkt der Schlachtung intakt bleiben. Dies bietet zusätzliche Garantien in Sachen Rückverfolgbarkeit der späteren Teilstücke. Die zu verwendende Anbietungsform ist „0“, d.h. einschließlich Nierenzapfen und Schwanz.

1.3. Strikte Handhabung der europäischen Vorschriften

Der europäische Umrechnungskoeffizient von -2% zur Umrechnung des Warmgewichts in das Kaltgewicht ist unverzüglich und überall anzuwenden.

2. Stärkung der interprofessionellen Aufgaben IVB und CW3C

Die interprofessionelle Aufsicht und das Dienstleistungsangebot für die Rindviehhalter zur Verbesserung der Transparenz müssen gestärkt werden. Viele flämische Rinder werden in Wallonien geschlachtet und umgekehrt. Es ist deshalb dringend erforderlich, dass IVB (Flandern) und CW3C (Wallonien) eng zusammenarbeiten. Die im interprofessionellen Abkommen vereinbarte Transparenz muss sowohl in Flandern als auch in Wallonien beschleunigt umgesetzt werden und die Aufsichts- und Beratungsfunktion der interprofessionellen Organe muss um einen angepassten Rechtsrahmen erweitert werden.

Maßnahmen von Regierung in Zusammenarbeit mit dem Sektor

1. Unterstützung neuer Instrumente im Rahmen der GAP
1.1. Erzeugerorganisationen¨

Erzeugerorganisationen sind dazu geeignet, die Position der Rindfleischerzeuger zu stärken. Die Errichtung von Erzeugerorganisationen, die direkt mit den Kunden über Preise, Qualitätsanforderungen und Verarbeitungsmodalitäten des Rindfleisches verhandeln, muss stimuliert und unterstützt werden.

1.2. Beschleunigte Errichtung und Anerkennung der Branchenorganisation Belbeef

Die Fleischkette muss sich stärker selbst organisieren und kontrollieren. Branchenorganisationen sind ein wichtiges Instrument der europäischen Politik. Die Rindfleischkette hat die Anerkennung von Belbeef als Branchenorganisation beantragt. Diesem Antrag muss schnellstmöglich stattgegeben werden. Das ist wichtig, damit der Sektor auch künftig branchenübergreifende Vereinbarungen treffen kann, die allen Akteuren in Form einer „allgemein verbindlichen Deklaration“ auferlegt werden können.

Der Fokus von Belbeef liegt primär auf der Verwaltung und Verwertung des verfügbaren Datenmaterials aus der Rindfleischkette. Die Aufgaben und Schwerpunkte können aber auch z.B. auf die Schlachtkörperklassifizierung oder andere, neue Erfordernisse (z.B. Nachhaltigkeitsmonitoring, wirtschaftliche Bewertung der Schlachtkörper, …) ausgeweitet werden.

1. Transparenz der Kontrollergebnissen der FASNK

Die Agrofront erwartet von der FASNK einen detaillierten Bericht über die Kontrollergebnisse und die Befunde in den Schlachthöfen. Dieser Bericht sollte auch einen Überblick über die Empfehlungen enthalten, die im Rahmen der Kontrolle abgegeben wurden. Dieser Bericht muss dazu beitragen, das Vertrauen in Rindfleisch wiederherzustellen.

2. Belgisches Rindfleisch im Einzelhandel in den Mittelpunkt stellen

Um das Vertrauen der Verbraucher in Rindfleisch wiederherzustellen, ist es wichtig, dass der Einzelhandel in den kommenden Monaten belgisches Rindfleisch in seinen Geschäften und Kommunikationskanälen ins Rampenlicht stellt und zu dem Preis anbietet, der ihm würdig ist (und keinesfalls verramscht). Dabei muss dem Verbraucher auch die Realität der belgischen Rindfleischkette und ganz besonders der Rindviehhaltung deutlich und ungeschönt vor Augen geführt werden.

3. Zusätzliche Mittel für Werbung und Absatzförderung

Der Rindfleischverbrauch steht bereits seit längerer Zeit unter Druck. Seit der Dioxinkrise wurden große Anstrengungen unternommen, um das Vertrauen der Verbraucher in die Lebensmittelsicherheit und in Fleisch wiederherzustellen. Dies war auch gelungen, aber der erneute Skandal stellt einen großen Rückschlag dar. Die bisherigen Anstrengungen müssen deshalb intensiviert werden, speziell auf zwei Ebenen:

  • Verbraucher: Es bedarf einer nationalen Kampagne zur Stärkung des Images und des Absatzes von Rindfleisch. Darin muss auch hervorgehoben werden, dass belgisches Rindfleisch in Sachen Sicherheit mustergültig ist. Die Kampagnen in Flandern und Wallonien müssen eng aufeinander abgestimmt werden, was eine stärker Zusammenarbeit zwischen VLAM und APAQ-W als bisher erfordert.
  • Horeca-Sektor: Es muss unbedingt ein wirkungsvoller Werbeplan für das Hotel- und Gaststättengewerbe in die Wege geleitet werden, der angemessen finanziell unterstützt wird. Der Horeca-Sektor muss über die spezifischen Vorteile und positiven Eigenschaften von belgischem Rindfleisch (speziell der Weiß-Blauen Rasse) aufgeklärt werden. Dies muss darin münden, dass mehr belgisches Rindfleisch deutlich sichtbar auf der Speisekarte angeboten wird.
4. Exportförderung und -unterstützung

Belgien exportiert nur in geringem Maße Rindfleisch. Überwiegend handelt es sich dabei um Fleisch(waren) von Reform-Milchkühen und viel weniger um Fleisch von Weißblauen Tieren. Mehr als 70% der Ausfuhren gehen in die drei Nachbarländer Niederlande, Deutschland und Frankreich.

Die betrügerischen Machenschaften in Bastogne schädigen nachhaltig den Ruf von belgischem Fleisch im Ausland. Um den Schaden zu beheben, müssen Werbung und Absatzförderung im Ausland stärker koordiniert werden. Hierzu bedarf es eines einheitlichen belgischen Exportlabels, das strukturell mit angemessenen finanziellen Mitteln von APAQ-W und BMO (Belgian Meat Office) unterstützt werden muss.

5. Transparenz der Gewinnspannen in der Kette

Die Analyse der Preisbeobachtungsstelle zeigt, dass die Spanne zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreis immer stärker auseinanderdriftet. Allerdings hat niemand Einsicht in die Gewinnspannen der einzelnen Kettenglieder, aber man darf vermuten, dass sie sich sehr unterschiedlich aufteilen. Es ist an der Zeit, dass jedem Kettenglied unmittelbar ein fairer Anteil an der gesamten Wertschöpfung zuteilwird, nicht zuletzt dem ersten Glied der Kette, den Rindfleischerzeugern. Lebensmittel zu verramschen, ist inakzeptabel. Ein faires Lebensmittel ist einen fairen Preis wert!

1. Marktentwicklung verfolgen

Die Auswirkungen des Fleischbetrugs auf den Rindfleischkonsum müssen in den kommenden Monaten genau verfolgt werden.

2. Befreiung vom Sanitärbeitrag

Die Agrofront erwartet, dass die Rindviehhalter 2018 vom Sanitärbeitrag befreit werden. Gegebenenfalls muss der Fonds mit externen Mittel aufgestockt werden, um die Finanzierung laufender Programme zu gewährleisten.

3. Stundung der Sozialbeiträge

Die Fleischviehhaltung ist als Sektor in wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten eingestuft. Die Agrofront fordert ein vereinfachtes System für die Stundung der Sozialversicherungsbeiträge.

Angesichts der zu erwartenden Einkommenseinbußen sollten die Rindfleischerzeuger die Möglichkeit in Anspruch nehmen, für das laufende Jahr (2018) geringere Sozialbeiträge zu entrichten als die, die gemäß dem Einkommen des Jahres 2015 (N-3) fällig würden.

4. Stundung von Steuerzahlungen

Je nachdem, wie sich die Krise auf den Rindfleischverbrauch auswirkt, muss in den kommenden Monaten ein Paket von Maßnahmen entwickelt werden, um den Steuerdruck auf Rindviehhalter zu senken.

5. Stärkung der Liquidität der Rindviehhalter

Der Veviba-Skandal ist ein erneuter herber Rückschlag für das Image eines Sektors, der bereits seit Jahren in einer Krise steckt. Die Preisbildung für Rinder und die Liquiditätslage der Betriebe wird durch den Skandal zusätzlich belastet. Betrieben in kurzfristigen Zahlungsschwierigkeiten muss zusätzliche finanzielle Unterstützung gewährt werden, z.B. in Form von Krediten mit flexiblen Tilgungsmodalitäten und/oder Überbrückungskrediten.

6. Unterstützung von Produktinnovation

Alle Akteure der Rindfleischkette müssen sich stärker für die Vielfalt in der Fleischproduktion engagieren und Konzepte mit Unterscheidungsmerkmalen entwickeln. Innovationsinitiativen müssen unterstützt werden, um einen ausreichenden Fleischabsatz zu sichern.