Arbeitszeit in Milchviehhaltung einsparen

Verfasst am 10.05.2017

Welche Möglichkeiten bestehen, um die Arbeitsbelastung im Milcherzeugerbetrieb zu reduzieren? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Studientag in Herve. Wie nicht anders zu erwarten, heißt der Schlüssel: Mechanisierung, Automatisierung, Robotisierung. Mit anderen Worten: Arbeitsentlastung muss man sich (teuer) erkaufen!

Per Videokonferenz legten französische Techniker des Institut de l’Elevage ihre Erfahrungen und Empfehlungen dar. Ausgangspunkt war der Vergleich von 17 verschiedenen Stallsystemen im Westen Frankreichs. In Liegeboxenställen wurde ein mittlerer Arbeitsaufwand für die Versorgung des Viehs (exkl. Melken und Füttern) von 4,5 Stunden pro Kuh und Jahr ermittelt, wovon zwei Drittel auf den täglichen Unterhalt der Liegeboxen (Entmisten und Einstreuen) entfallen. Diese Arbeit nimmt in Stroheinstreuställe deutlich weniger Zeit in Anspruch, weshalb dieses Stallsystem mit durchschnittlich 2,9 Stunden pro Kuh und Jahr deutlich besser abschneidet. Für sie sprechen auch die vergleichsweise geringen Baukosten. Dem stehen jedoch selbst auf ackernahen Standorten hohe Funktionskosten gegenüber, die mit zunehmender Entfernung steigen. Diese Stallform findet man deshalb vorwiegend in Gemischtbetrieben mit Getreideanbau vor.

Global ist der Liegeboxenstall mit Schubentmistung das kostengünstigste System. Die französischen Berater betonen aber, dass bei der Entscheidung für oder gegen ein Stallsystem neben den Kosten auch andere Faktoren berücksichtigt werden sollten wie das Tierwohlbefinden, der Arbeitskräftebesatz, die jährliche Belegungsdauer des Stalls, die verfügbaren Finanzmittel für eine ausreichende Automatisierung, …

Wo ansetzen, um die Arbeitszeit einzusparen? Ein Problembereich sind die saisonalen Arbeitsspitzen, ein anderes die täglich wiederkehrenden Pflichtarbeiten, die nicht verschoben werden können („Zwangsarbeiten“). Von der Zeit, die letztere täglich in Anspruch nehmen, entfallen im Mittel 14% auf des Entmisten und Einstreuen der Boxen und 8% auf die Versorgung der Kälber, aber 50% auf das Melken und 28% auf die Fütterung.

Die französischen Berater legen nahe, zur Einsparung von Arbeitszeit bei den beiden letzten Posten anzusetzen: Der Umstieg auf die Robotisierung des Melkens und/oder die Automatisierung der Fütterung sollten ernsthaft in Betracht gezogen werden. Eine interessante Alternative in Sachen Fütterung, die in Frankreich weit verbreitet ist, ist der gemeinschaftliche Einsatz (CUMA) eines selbstfahrenden Futtermischwagens mit Entnahmefräse. Dies wird als die kostengünstigste Lösung mit dem geringsten Zeitaufwand angesehen. Blockschneider scheiden für sie wegen des hohen Zeitaufwands für die Entnahme aus. Weil er eine vollständige Automatisierung der Futtervorlage erlaubt, kam auch der Turmsilo wieder ins Gespräch. Eine mögliche Zukunftsvision ist die Robotisierung der Fütterung; Fütterungsroboter-Prototypen werden derzeit von mehreren Firmen getestet.

Bewertung

Der Haken an der vollständigen Automatisierung der Fütterung von der Entnahme bis zur Vorlage sind die Kosten: Alleine die Abschreibung wird für einen Betrieb mit 100 bis 160 Kühen auf 2,5 bis 3,5 Cent/l (zuzüglich Funktionskosten) geschätzt (gegenüber 1,0-1,7 Cent/l zzgl. Arbeit mit klassischen Systemen).

Nach Einschätzung der französischen Berater lassen sich je nach Ausgangslage und Herdengröße durch die Automatisierung und Robotisierung der Fütterung 30 Minuten bis drei Stunden Arbeitszeit pro Tag einsparen. Dies wird aber nicht als ausreichend eingestuft, um die Kosten zu amortisieren. Allerdings könnte die Rechnung im Fall eines Stallneubaus günstiger sein (geringere Fläche dank eines schmaleren Futtertisches).

Neben dem Spaltenroboter, der eigentlich in keinem Betrieb fehlen sollte, sehen die französischen Berater auch die Mechanisierung/Automatisierung des Boxenunterhalts (Entmisten, Einstreuen) durchaus als sinnvoll an. Zusätzlich zur Zeiteinsparung von bis zu 75% stellt diese Option auch eine Arbeitserleichterung dar. Je nach Option können die Kosten allerdings auf 25.000 Euro und mehr auflaufen. Trotzdem werde diese Option mit steigender Herdengröße zunehmend auch wirtschaftlich interessant, so die Redner.

Ein spezielles Kapitel war dem Freiraumstall (ohne Liegeboxen und ohne Abtrennungen) mit kompostierender Einstreu gewidmet, ein System, das in wärmeren bzw. trockeneren Gefilden (Israel, USA) bereits den Durchbruch geschafft hat und derzeit in den Niederlanden getestet wird. Ersten Erfahrungen zufolge bietet der Freiraumstall mit kompostierender Einstreu eine Fülle von Vorteilen, speziell auf Ebene des Tierwohlbefindens, der Tiergesundheit und der tierischen Leistung, aber auch der Arbeitseffizienz. Die Niederländer versprechen sich von dem System zudem eine deutliche Reduzierung der Ammoniak-Emissionen im Vergleich zu den klassischen Boxenlaufställen.

Die offene Liegefläche (12-15 m²/Kuh) wird mit getrocknetem Mist, Strohhäcksel oder Sägemehl bzw. Sägespänen eingestreut. Um Mastitis- und Klauenprobleme zu verhindern, muss die Einstreuoberfläche jederzeit trocken sein. Grundvoraussetzung hierfür sind eine offene Stallbauweise und der Einbau von Ventilatoren. Daneben ist wichtig, dass die Einstreu täglich mit einer Fräse oder Egge bearbeitet wird, um Mist und Jauche einzuarbeiten und die Kompostierung zu fördern. Selbst wenn diese beiden Anforderungen erfüllt sind, scheinen sich unter hiesigen Bedingungen nur Sägemehl und Sägespänen als Einstreu zu eignen. Aber selbst mit diesem Material geht bei feuchter Witterung kein Weg daran vorbei, nachzustreuen, was die Kosten erhöht.

In puncto Baukosten bewegt sich der Kompoststall auf dem Niveau eines normalen Boxenlaufstalls. Entscheidend für die Rentabilität sind deshalb die Einstreukosten. Bis zu einem Preis von 35 Euro pro Tonne Einstreu, so die niederländischen Berechnungen, ist der Kompoststall günstiger als der klassische Boxenlaufstall.