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Dieser Artikel ist im Der Bauer, Ausgabe 14 vom 17. Juli 2024 erschienen

Falls die Hitze doch noch kommt…

In den vergangenen Sommern haben wir oft über Dürreperioden und unter Hitzewellen gestöhnt, in diesem Jahr wünscht man sich derzeit wahrscheinlich nichts sehnlicher als ein paar trockene Wochen mit wohlig angenehmen Temperaturen. Danach sieht es im Moment zwar nicht aus, aber was nicht ist, kann noch werden.

Dem Silomais und auch dem Grünland würden höhere Temperaturen gut tun, aber laktierende Milchkühe haben an dem derzeitigen Wetter mit Temperaturen selten über 20° C nichts auszusetzen. Denn sie empfinden höhere Temperaturen schnell als Stress – und zwar umso früher, je mehr Milch sie geben. Weshalb dem so ist und wie der Landwirt wenn nicht Abhilfe schaffen, so doch für Linderung sorgen kann, erläuterte Isabelle Dufrasne, Tierärztin und Fütterungsexpertin an der Universität Lüttich, auf einem Studientag im vergangenen Winter in Remouchamps.

Stoffwechsel setzt Wärme frei

Beim Abbau von organischen Stoffen in deren Bestandteile, dem sog. Stoffwechsel (genauer gesagt: dem Katabolismus), wird Wärme freigesetzt. Bei der Kuh kommen neben dem eigenen „internen“ Stoffwechsel in ihren Körperzellen noch die Abbauprozesse der Mikroorganismen im Pansen hinzu, bei denen ebenfalls Wärme freigesetzt wird. Alleine diese Gärprozesse „erwärmen“ die Kuh um 1 bis 2°C – und das durchgehend 24 Stunden am Tag.

Je höher die Milchleistung, desto intensiver der Stoffwechsel und desto höher der Wärmeanfall. Neben der Milchleistung spielen aber auch gewisse individuelle Eigenheiten eine Rolle bei der Anfälligkeit für Hitzestress. So verstärkt ein schwarzes Fell das Problem, weil schwarz die einstrahlende Sonnenenergie absorbiert, wodurch sich der Körper zusätzlich aufheizt (während weiß die Energie abstrahlt). Und kleine Kühe (z.B. Jersey) haben verhältnismäßig mehr Körperoberfläche im Vergleich zu ihrem Körpervolumen als größere und schwerere HF-Kühe und infolgedessen eine höhere Wärmeabgabekapazität pro kg Körpergewicht.

Mehrere Faktoren

Im Winter ist diese Wärme nicht nur willkommen, sondern unverzichtbar, um die Körpertemperatur auf Niveau zu halten. Aber mit steigenden Außentemperaturen schwindet der Temperaturunterschied und somit die Wärmemenge, die auf diese Weise abgegeben werden kann. Der Organismus muss dann andere Wege finden, um sich der überschüssigen Wärme zu entledigen, zum Beispiel durch Schwitzen. Aber in diesem Bereich halten sich die Möglichkeiten der Kuh sehr in Grenzen, weil sie – ähnlich dem Hund - wenig Schweißdrüsen hat.

Neben der eigentlichen Außentemperatur sind weitere externe Faktoren mitentscheidend dafür, ob bzw. ab welcher Temperatur Hitzestress auftritt: Hohe Luftfeuchtigkeit, geringe Luftzirkulation bzw. -geschwindigkeit und direkte Sonneneinstrahlung verschärfen die Situation, trockene Luft, intensive Luftzirkulation und Schatten wirken entlastend. Auf diese Faktoren gilt es bei hohen Temperaturen einzuwirken, um den Hitzestress in Grenzen zu halten.

Vielfältige Reaktionen…

Von Hitzestress ist dann die Rede, wenn es der Kuh nicht gelingt, ihre überschüssige Körperwärme abzugeben, so dass ihre Körpertemperatur ansteigt. Als Reaktion versucht sie, die Wärmeabgabe zu steigern oder, wenn dies nicht ausreichend gelingt, die Wärmeproduktion zu reduzieren. Ersteres kann sich in vielfältiger Weise äußern: Reduzierung der Futteraufnahme und Zurückfahren der Wiederkauaktivität, Zurückfahren der Milchproduktion, Einschränkung der Bewegungsaktivität… Je nach Bodentemperatur äußert sich dies in einem merklich höheren Anteil liegender Kühe als zur gleichen Tageszeit an „normalen“ Tagen (bei kühlender Unterlage) oder im Gegenteil in verlängertem Stehen (kein Hinlegen) bei warmer (schwarzer!) Unterlage, weil die Körperoberfläche mit Bodenkontakt nicht für die Wärmeabgabe an die Luft zur Verfügung steht.

Der Versuch, die Wärmeabgabe zu steigern, geht mit einer Verstärkung der Durchblutung an der Körperoberfläche, Kurzatmigkeit (Hecheln), Beschleunigung der Herzschlagfrequenz und Schwitzen (mit erhöhten Natrium-, Kali- und Bikarbonatverlusten als Folge) einher. In diesem Zusammenhang eine interessante Bemerkung: Auf den kg Lebendgewicht heruntergerechnet ist die Lungenkapazität von Rindern drei Mal kleiner als die des Menschen und sogar vier Mal geringer als die von Pferden. Diese Besonderheit erklärt auch die erhöhte Anfälligkeit von Rindern – man denke speziell an die Weißblauen Rasse – für Atemwegserkrankungen.

… und Konsequenzen

Die Auswirkungen auf die Milchleistung beschränken sich nicht auf einen Leistungsabfall, sondern auch die Milchqualität (Eiweißgehalt, Biestmilchqualität, Fettsäurenspektrum, Zellgehalt…) wird beeinträchtigt. Hält der Hitzestress länger an, dann leidet darunter die Gesundheit der Kuh. Pansen- und Darminhalt versauern (Azidose), die Darmwand wird durchlässig für Schadstoffe und Bakterien und die Elektrolyten-Bilanz gerät aus dem Gleichgewicht. Die Reduzierung der Futteraufnahme erhöht das Azetonämie-Risiko (speziell im frühen Laktationsstadium) und mittelfristig wird das Abwehrsystem gegen Entzündungen (Mastitis !) geschwächt. Hinzu kommt, dass durch das längere Stehen (statt Liegen) die Gliedmaßen stärker belastet bzw. zu wenig entlastet werden – mit der Folge, dass in den Wochen nach Hitzestressperioden der Anteil hinkender und lahmender Kühe signifikant steigt.

Verhaltensänderungen

Mit den physiologischen Anpassungen gehen Verhaltensänderungen einher, allem voran eine höhere Trinkfrequenz bzw. Wasseraufnahme. Aber Achtung, warnt Isabelle Dufrasne, ab einem gewissen Stressniveau wägt die Kuh instinktiv ab zwischen dem Nutzen der Wasseraufnahme und der Wärme, die anfällt, um sich zur Tränke zu begeben. Diese Hemmschwelle ist umso niedriger, je weiter der Weg bis zur Tränke ist. Im Stall ist das kein Problem, aber für Standweiden bedeutet dies: Je größer diese sind, desto mehr Tränken müssen vorhanden und natürlich räumlich gleichmäßig verteilt sein. Parallel dazu suchen die Kühe Schatten. Bei größeren Herden reichen die vorhandenen Hecken und Bäume bei der hoch stehenden Mittagssonne nur in den seltensten Fällen aus, weshalb man den Kühen unbedingt die Möglichkeit lassen muss, zum Stall zurückzukehren – und umgekehrt: den Stall zu verlassen, wenn die Temperatur (und andere Hitzestressfaktoren) dort ungünstiger sind als draußen.

Helmuth Veiders

 

Wie die Kuh entlasten?

Wie die negativen Auswirkungen vermeiden oder zumindest in Grenzen halten? Die größte Bedeutung kommt den stalltechnischen Maßnahmen zu. Auf diese detailliert einzugehen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Wir beschränken uns deshalb auf andere Tipps und Stellschrauben, die zwar kleiner sind als Verbesserungen des Stallklimas, deshalb aber nicht vernachlässigt werden sollten.

Die erste Regel lautet: die Kühe gegen direkte Sonneneinstrahlung schützen. Bei Weidegang bedeutet dies, die Kühe zur heißesten Tageszeit (ab frühem Nachmittag) im Stall zu halten (vorausgesetzt natürlich, dass das Klima dort günstiger ist als draußen). Für Tränken lautet die Empfehlung: mindestens 1 m Tränke pro zehn Kühe mit einem Zufluss von mindestens 10 l/min.

Um die Futteraufnahme und die Nährstoffversorgung nicht zusätzlich zu beeinträchtigen, muss im Sommer peinlichst auf die Qualität der verfütterten Silage geachtet werden. Insbesondere gilt es, das Nachwärmrisiko zu reduzieren:

  • Silos mit Futter für die Sommerfütterung in Nord-Süd-Richtung anlegen mit Entnahmefront an der Nordseite;
  • für ausreichenden Vorschub sorgen: Silos mit Raufutter für die Sommerfütterung schmaler und niedriger anlegen als für die Winterfütterung;
  • die Entnahmefront mit hefehemmender Propionsäure besprühen;
  • fraktioniert füttern (häufiger kleine Mengen);
  • bis zu 4 l Wasser pro Kuh im Mischwagen in die Ration einmischen, um die Schmackhaftigkeit zu verbessern;
  • den Futtertisch sauber halten.

Und nicht zuletzt muss auf die Vitamin- und Mineralstoffversorgung geachtet werden. Das gilt ganz besonders für Natrium (Kochsalz), wovon über Schweiß bis zu 100 g pro Tag verloren gehen, aber auch Kali und Magnesium sowie Spurenelemente wie Chrom, Selen, Zink… Eventuell kann es auch angebracht, Futteradditive wie Bikarbonat (Achtung: Alkalose-Risiko), Hefen oder Betaine einzusetzen.